Nationalspieler Horst Szymaniak

 

Horst Szymaniak, ehemaliger Nationalspieler
-ein Sohn unserer Stadt-

 

 


Zu Horst Szymaniak hier ein Portrait von Reiner Kramer
Vorabveröffentlichung aus dem Fußball Journal Niedersachsen 12/1999

Von unter Tage bis in den Fußballhimmel

Horst Szymaniak – Vom Bergmann zum Weltstar des deutschen Fußballs – 65-Jähriger lebt in
Melle bei Osnabrück 

Von Fußballern und Sportlern des Jahrhunderts ist in diesen Tagen häufig die Rede. Doch
beim Aufzählen der verdienten Frauen und Männer blieben viele ungenannt. Obwohl sie es verdient hätten, in die Reihe bemerkenswerter Sportler aufgenommen zu werden. Einer von ihnen ist Horst Szymaniak. Der 43-fache Nationalspieler wohnt seit 28 Jahren in Melle bei Osnabrück. Um den ehemaligen Italien-Legionär ist es mittlerweile still geworden. Er wohnt in einer bescheidenen, aber gemütlich eingerichteten Mietwohnung zusammen mit seiner Frau Marga. Vor einigen Monaten beging er seinen 65. Geburtstag. Stellvertretend für all die Fußballer, die neben Ruhm auch die Kehrseite der Medaille kennen gelernt haben, das nachfolgende Portrait Horst Szymaniaks. –Von Reiner Kramer-

Es ist keinesfalls übertrieben, Szymaniak als Weltstar des deutschen Fußballs zu bezeichnen. Schließlich gehört der in Erkenschwick als Sohn einer Bergmannsfamilie aufgewachsene Fußballer zu den wenigen Deutschen, die im Ausland für Furore gesorgt haben. Kein Geringerer als Alt-Bundestrainer Sepp Herberger gab ihm den Titel „Erfinder des Flachpasses“. Diese Umschreibung muss allerdings noch ergänzt werden. Denn „Schorse“,  erhielt 1958 während er Weltmeisterschaft in Schweden von Sportjournalisten den Beinamen„Der Ballmagnet“.

Doch Szymaniak zog auch mehrfach das Pech an. So einige Wochen vor der Weltmeisterschaft 1966 in England. Da zog er mit seinem Freund Helmut Haller vor einem WM-Testspiel durch die Kneipen in Augsburg. Weil er eine Stunde länger als Lokalmatador Haller unterwegs war, traf nur ihn der Bannstrahl des damaligen Bundestrainers Helmut Schön. Szymaniak durftezwar noch mit ins WM-Vorbereitungstraininglager nach Barsinghausen. Aber Schön sprach
keine einziges Wort mit ihm. „Ich bin sicher, er hätte mich ohne den Augsburger Vorfall mit nach England genommen. Denn ich war körperlich total fit und mit 33 Jahren noch längst nicht zu alt“, erinnert sich der 65-Jährige.

Mit Italien verbindet Horst Szymaniak die schönsten Erinnerungen seines Fußballerlebens.
Gleich auf seiner ersten Station 1961 in Catania gefiel es ihm am besten. „Sizilien ist ein
wunderschönes Stückchen Erde“, ergänzt er. Im nächsten italienischen Klub, Inter Mailand, lernte er den als „Sklaventreiber“ titulierten Trainer Helenio Herrera kennen. „In Wirklichkeit war er gar nicht so hart.“  Im Trainingslager durften die Spieler auch schon mal ein Gläschen Wein trinken. Dazu gab es dann immer ein Glas Wasser. Szymaniaks Tischnachbar war meistens Giacinto Faccetti – Kultfigur des berühmt - berüchtigten Catenaccio - der überhaupt keinen Alkohol trank. Während der Italiener das zweite Glas Wasser vom Deutschen erhielt, genehmigte sich dieser noch einen weiteren Schoppen Rotwein.

Um Legendenbildungen vorzubeugen –Horst Szymaniak war ein vorbildlicher Profifußballer.
Der Alkohol spielte nur später für einige Zeit eine Rolle. Sonst hätte er es nie zum Status eines Weltfußballers gebracht. Vielmehr zeichnete dem Italien-Legionär eine geniale Spielkunst aus, die schließlich ihren Höhepunkt 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden fand, als Beobachter ihn zum überragenden Außenläufer der gesamten WM kürten. Ein Höhepunkt inSzymaniaks Fußballerleben. Höhen und tiefen wechselten sich bei ihm ab. Der Junge aus dem Kohlenpott durchlebte ein Wellental der Gefühle.

Das Auf und Ab begann in seinem Heimatort Erkenschwick. Auch er fuhr wie all seine
damaligen Mannschaftskollegen im Pütt unter Tage. „Wir haben malocht und zusammen
Fußball gespielt“, erzählt er. Das förderte natürlich die Kameradschaft im Team. So wie er damals geprägt worden ist, gab er sich auch in der Folgezeit. Bescheiden ruhig und nie übermütig setzte er seine Fußballkarriere fort. „Laut wurde ich höchstens mal auf dem Platz.“ Unvergessen eine Anekdote aus einem Urlaub auf Mallorca im Jahre 1959. Damals spielte Szymaniak beim Wuppertaler SV. Was ihm dort widerfuhr, schildert er so: „Ich lag gerade am Strand, als plötzlich zwei Männer in dunklen Anzügen auf mich zukamen. Einer von den Beiden hatte einen Koffer mit vielen Geldscheinen dabei. Da waren 30 000 Mark drin. Mein Handgeld für den Wechsel zum Karlsruher SC. Da saß ich nun am Strand mit dem Koffer voll Geld und wusste nicht, wohin damit.“

Fortan spielte das Geld eine bedeutende Rolle im Leben von Horst Szymaniak. 100 000 Mark Handgeld erhielt er für den Wechsel zum CC Cantania. Einige Milllionen Lire kamen dann während seines vierjährigen Italien-Gastspiels wohl noch hinzu. Doch falsche Freunde und windige Spielervermittler  kassierten mit. „Damals hätte ich unbedingt einen guten Manager gebraucht“, verrät der Fußball-Legionär. Wer nun glaubt, Szymaniak hätte das viele Geld sinnlos zum Fenster rausgeschmissen, irrt. Er war alles andere als ein Lebemann. Vielmehr passt das Prädikat Großherzigkeit zu ihm. Er ließ mehrere sogenannte Freunde an seinem Erfolg auch finanziell teilhaben. Das wäre natürlich alles nicht passiert, wenn ein seriöser Berater das Geld richtig angelegt hätte. Dennoch will Szymaniak keine Stunde des damaligen Lebens in Italien missen: „Ich war glücklich und bin es auch heute noch.“

Das große Glück der Liebe genießt Rentner Szymaniak heute zusammen mit seiner Frau
Marga und Schäferhund Grischa. Ganz ohne Reichtum, dafür aber mit der Gewissheit, sich im beschaulichen Melle äußerst wohl zu fühlen. Interviews gibt er heute nur noch den Journalisten, die er vorher kennen gelernt und zu denen er Vertrauen hat. Einige Male haben sie ihm übel mit gespielt. Passend dazu eine weitere von einem Journalisten gestrickte Legende, die nicht einmal ein Fünkchen Wahrheit enthielt. Geschrieben und erzählt wird sie aber gelegentlich immer noch. Bei Vertragsverhandlungen mit einem Verein habe ihm einmal ein Präsident gesagt: „.... Also, wir können ihnen ein Viertel bieten.“ „Nein“, soll Szymaniak darauf hin geantwortet haben, „ich möchte mindestens ein Fünftel.“ Eine Lüge, wie Horst Szymaniak klar stellt: „Das habe ich nie gesagt. Ich besuchte neun Jahre die Volksschule. Das Rechnen hat man uns auch damals beigebracht. “Natürlich ärgerte er sich darüber, wenn Zeitungen diese Lüge immer wieder mal verbreiteten. Aber heute steht er über den Dingen und lacht darüber. Interviews waren und sind nie das Ding des sympathischen Horst Szymaniak. Zum heutigen Glanz und Glimmer der Fußballprofiszene sagte der 65jährige vor einigen Wochen einem Redakteur der Neuen Osnabrücker Zeitung treffend: „Die Spieler wissen ja auf jede Frage eine Antwort, fast wie die Politiker. Wir sind damals weggelaufen, wenn ein Journalist was wissen wollte. Aber deswegen waren wir nicht dümmer – und
Fußballspielen konnten wir auch ganz gut.“

Auf dem Laufenden ist Horst Szymaniak auf der ganzen Linie. Das politische Magazin Spiegel und Sportzeitungen studiert er ebenso aufmerksam wie die vielen Fußballübertragungen im Fernsehen. Zwar fühlt auch er eine gewisse Übersättigung. Aber, wenn er sich nachmittags vornimmt, abends kein Spiel anzusehen, ist der Vorsatz schon nach wenigen Stunden gebrochen.

Im Fluge vorbei gegangen sind die zwei Stunden in der gemütlichen Mietwohnung von Horst Szymaniak. Dabei hätte der Verfasser dieser Zeilen dem äußerst angenehmen Gesprächspartner noch viel länger zu hören können. Vor allem immer dann, wenn er über seine große Liebe „Italien“ und seinem Lieblingstrainer Sepp Herberger sprach. „Wir haben uns gegenseitig respektiert und gemocht.“ Der Alt-Bundestrainer konnte sich eben glücklichen schätzen, einen Fußballer wie Horst Szymaniak in seinen Reihen gehabt zu haben.

Stationen:

29. August 1934 in Erkenschwick geboren.
1943 bis 1955 SpVgg Erkenschwick
1959 bis 1959 Wuppertaler SV
1959 bis 1961 Karlsruher SC
1961 bis 1963 CC Catania
1963 bis 1964 Inter Mailand
1964 bis 1965 FC Varese
1965 bis 1966 Tasmania 1900 Berlin
1966 bis 1968 St. Louis Stars/Chicago
1968 bis 1970 SV Steinheim
21. 11. 1956 – 1. Juni 1966: 43 Länderspiele, 2 Tore

Größte Erfolge:
Meister und Europacup-Sieger mit Inter Mailand 196
WM-Vierter 1958
WM-Teilnehmer 1962
Berufung in die Weltauswahl 1965 gegen Jugoslawien

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Lehrer Karl Kollmann