HORST SZYMANIAK
Ein Porträt von Axel Rothkehl (Spiegel)
"Ich habe auch ganz gern
draufgehauen"
Mit spektakulären Tacklings grätschte er sich einst in die
Nationalmannschaft und nahm an zwei Weltmeisterschaften teil. Manche würden
Horst Szymaniak heute als abgestürzt beschreiben. Doch der 70-Jährige sagt über
sein Leben: "Ich bin sehr zufrieden." Ein Porträt von Axel
Rothkehl
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DPA
Szymaniak mit Szymaniak-Büste: "Hatte ja genug
davon"
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Sie liegen nebeneinander, beide können nicht schlafen. Horst Szymaniak und
Franz Beckenbauer teilen vor dem entscheidenden Spiel zur Qualifikation für die
WM 1966 das Hotelzimmer. Beckenbauer wirft die Decke zur Seite und meldet sich
ab. Er wolle noch schnell eine Cola holen. Szymaniak kommandiert: "Bring
mir 'ne Flasche Bier mit." Der Kaiser macht große Augen, dackelt ab und
schleppt das Pils ran. "Hab' ich in aller Ruhe getrunken. Die hat mir ja
nicht wehgetan", meint Szymaniak.
Ein typischer Szymaniak, diese Ansage an Beckenbauer. Er hat die klare Ansprache
gelernt. In jungen Jahren war er Bergmann. Sieben Jahre lang arbeitete er 800
Meter unter der Erde, in der Zeche "Ewald-Fortsetzung". Nebenbei
spielte er in der Zweiten Liga West für die Spielvereinigung Erkenschwick. Wenn
sonntags gekickt wurde, sagten montags die Kumpel im Flöz: "Du hast
gestern gut gespielt. Leg den Presslufthammer weg und schlaf dich in der Ecke
aus."
Das Angebot des Wuppertaler SV holte ihn 1955 raus aus dem Bergbaumilieu.
"Mein Vater war Bergmann, mein Bruder war Bergmann. Und viele Bergleute
sind früh gestorben. Ich weiß nicht ob ich heute noch leben würde, wenn ich
im Pütt geblieben wäre." Szymaniak wechselte für 15.000 Mark in die
Oberliga und wohnte beim Platzwart des Stadion am Zoo. "Wir haben nur
zweimal in der Woche trainiert. Nebenbei musste ich dem Platzwart helfen, habe
Linien gekreidet und Netze eingehängt." In Wuppertal wurde er zum
Nationalspieler. Sepp Herberger klingelte durch. "Der hat immer gerne
telefoniert", erinnert sich Szymaniak an die erste Nominierung.
Bierchen beim kalten Abendessen
Heute ist nur noch wenig übrig vom Ruhm und Glanz einstiger Tage. Der 70-Jährige
lebt in einem Wohnbunker in Melle im Landkreis Osnabrück, neun Stockwerke,
direkt an der Autobahnabfahrt Melle-Ost. In seiner Wohnung stehen ein paar alte
Möbelstücke. In einem Pappkarton gammeln Erinnerungen an seine große
Karriere, auf dem Wohnzimmertisch liegt ein Stapel Bücher. Alles Geschenke. Zum
70. Geburtstag im August brachte die örtliche SPD ihrem Mitglied einen
verschweißten Bildband über Willy Brandt vorbei. Die lokalen Sportvereine
schenkten Trainingsanzüge und T-Shirts. Szymaniak ist in Melle beliebt, jeder
kennt ihn. Sogar der Kanzler hat ihm geschrieben. Der DFB schickte einen hölzernen
Glückwunsch im verquasten Referentendeutsch. Darunter eine schlecht gescannte
Unterschrift von Mayer-Vorfelder.
Früher, da war Szymaniak eine Nummer, eine feste Größe. Bei der WM 1958 war
er der überragende linke Läufer des Turniers. Es war die Technik, die ihn
auszeichnete. Und beidfüßig konnte der Wuppertaler schießen. Das gab es
damals nur selten. Auch 46 Jahre später trauert er dem verpassten Finaleinzug
hinterher. Gastgeber Schweden hatte die Deutschen im Halbfinale fertig gemacht.
"Die waren zu Hause und haben gut geknüppelt", weiß der 70-Jährige,
"aber ich habe darüber nie gestöhnt. Ich habe auch ganz gerne
draufgehauen." Und überhaupt: Sepp Herberger sei sein bester Trainer
gewesen. "Der redete bei Mannschaftsspaziergängen viel mit uns
Spielern." Das kannte Szymaniak von den Übungsleitern im Ruhrpott nicht.
Dennoch: Einmal bekam der "Schorsch", wie er von Herberger genannt
wurde, einen bösen Brief. Der Grund leuchtete ihm ein: "Beim Länderspiel
in Berlin bin ich in der Hotelbar ein bisschen lauter geworden..." Wenn im
Kreise der Nationalmannschaft "abends kalt gegessen wurde, hat Herberger
mal ein Bier erlaubt. Und wer keins trinken wollte, dem hab ich einen Stoß inne
Rippen gegeben und das Restliche mitgetrunken." Prost. "Boss Rahn und
ich konnten uns so einiges bei ihm erlauben."
Auf dem Weg zu Länderspielen bildeten die beiden eine Fahrgemeinschaft.
Szymaniak fuhr in seiner Freizeit ohnehin oft zum Kollegen Rahn nach Essen.
"Der hatte gerade ein Paar teure Schuhe gekauft, die passten aber doch
nicht. Wir gingen dann auf eine Baustelle. Da waren genug Maurer, die mit ihm
die Treter tauschen wollten."
"100.000 Mark bar auf dem Tisch"
Und plötzlich trat das große Geld ins Leben des Horst Szymaniak. Die Zeit in
Wuppertal neigte sich dem Ende zu, der WSV war in die Regionalliga abgestiegen.
Eigentlich wollte er nicht weg, denn im Bergischen Land vergötterten sie ihn.
Tausende Anhänger umjubelten den Ex-Bergmann nach der Weltmeisterschaft auf dem
Bahnhof Elberfeld. "Das war da so schön", schwärmt er. Sogar eine Büste
haben ihm die Wuppertaler gegossen. Die stand bis vor kurzem im Meller
Wohnzimmer. Jetzt ist sie weg. Wie fast alle seiner Erinnerungsmedaillen, die
der DFB nach jedem Länderspiel überreichte. "Ich habe die meisten
verschenkt, hatte ja genug davon."
Als sich Szymaniak auf Mallorca am Strand vom Abstiegsjahr erholte, standen plötzlich
zwei Vertreter des aufstrebenden Karlsruher SC neben dem Sonnenschirm. Im Koffer
hatten die Unterhändler 30.000 Mark Handgeld für ihren neuen Spieler dabei.
Szymaniak unterschrieb nach kurzer Verhandlung und versteckte das Geld unter der
spanischen Matratze.
HORST SZYMANIAK
"Ich habe auch ganz gern
draufgehauen" (Teil 2)
Noch mehrfach wurde Szymaniak bei großen Summen schwach. Als erster
deutscher Spieler ging er als Legionär nach Italien. Eine Abordnung des Calcio
Club Catania war in der Wohnung von Vater Szymaniak aufgetaucht. "Drei
Funktionäre saßen bei uns, einer von denen sprach Deutsch. Die schmissen dann
100.000 Mark in bar auf den Tisch." Italien wurde zum Höhepunkt seiner
Karriere. Geldsorgen kannte Szymaniak nicht, von Catania ging es nach Mailand zu
Inter, wo er 1964 den Europapokal der Landesmeister gewann. Ausgerechnet beim
3:1 im Finale gegen Real Madrid mit Alfredo di Stefano und Ferenç Puskas wurde
der Deutsche nicht aufgestellt. Den Jubel minderte das nicht.
Sauftour mit Helmut Haller
Doch der Rausch der großen Jahre war bald verflogen. In der Nationalelf war
nach einer nächtlichen Kneipentour mit Helmut Haller nach einem B-Länderspiel
in Augsburg Schluss, Helmut Schön schrieb ihm anschließend frostig, er werde
"wegen dieses Vorfalls und anderer Ereignisse" nie wieder in der
Nationalelf spielen, der Mitzecher Haller hingegen blieb ungeschoren.
Und das Unglück blieb ihm fortan treu. Als Szymaniak in die Bundesliga zurückkehrte,
tat er das bei Tasmania Berlin, das schon bald als schlechteste
Bundesliga-Mannschaft aller Zeiten in die Geschichte eingehen sollte. Eine
Saison, bezeichnend für den weiteren Verlauf seines Lebens. "Ein
Fehler", sagt Szymaniak heute. Bei einer Gehaltsverhandlung in Berlin gab
es wohl auch einen der kuriosesten Dialoge der Bundesligageschichte. Nachdem man
Szymaniak eine Erhöhung des Salärs um ein Drittel in Aussicht gestellt hatte,
soll dieser forsch geantwortet haben: "Ich will mindestens ein
Viertel!".
Das Geld war dann schnell weg. Anders als manch ein geschäftstüchtiger Kollege
hatte er sich keine Lottobude, keine Tankstelle für die Zeit nach der Karriere
in die Verträge schreiben lassen. Stattdessen schlug sich Szymaniak nach einer
kurzen Visite in Chicago als Trainer unterklassiger Provinzklubs durchs. Im
ostwestfälischen Bünde-Ennigloh heuerte er als Trainer an, fand aber nur eine
Wohnung in Melle bei Osnabrück. Die mietete Szymaniak an und machte
gleichzeitig eine Gaststätte auf. Nach vier Jahren als Kneipier beanspruchte er
wieder seine exzellente Beidfüßigkeit, die ihn einst in die weite Welt
hinausbrachte. Leider nur für Kupplung, Bremse und Gaspedal im LKW einer
Spedition. Er fuhr Baustoffe durchs Emsland, am liebsten aber ließ sich
Szymaniak für Touren in die DDR einteilen. Dort fuhr "Schimmi" die
Vereinsheime der Dynamo-Klubs an. Da kannten sie ihn noch.
Kein Interesse beim DFB
Beim Deutschen Fußball-Bund ist Szymaniak nicht einmal eine Persona non grata.
Der Verband meidet seinen 43-maligen Nationalspieler schlicht. Ehrenkarten zu
Veranstaltungen des DFB bekommt er schon lange nicht mehr. Was den Pensionär
allerdings nur wenig bekümmert. Allzu großen Respekt vor Honoratioren und
Institutionen hat er ohnehin nie empfunden. Gerne wird in diesem Zusammenhang
die kleine Geschichte von der WM 1958 erzählt, als ihm der schwedische König
die Hand schüttelte und Szymaniak anders als mancher Kollege nicht devot die
Augen niederschlug. Begründet hat Szymaniak die fehlende Demut mit einer
traditionellen Bergmannsweisheit: "Kein Kniefall, auch nicht vor gekrönten
Häuptern!"
Vielleicht ist auch Szymaniaks einfache, offene Art dafür verantwortlich, dass
er heute materiell längst nicht so komfortabel gestellt ist wie manch ein
anderer ehemaliger Profi. Nicht wenige alte Kämpen fahren heute große Wagen,
einen Mercedes oder BMW. Szymaniak hingegen zuckelt im Seat Marbella durch Melle.
Das Geld ist knapp, nach Jahren der Arbeitslosigkeit und einer Scheidung. Was
ist schief gelaufen? "Gar nichts. Ich bin sehr zufrieden", strahlt
Szymaniak. Und man nimmt es ihm tatsächlich ab. Seine positive Ausstrahlung hat
er über die Jahre gerettet. "Ich habe ganz gut gelebt in jungen Jahren und
viel Geld ausgegeben. Das ist nichts Schlimmes. Das Geld hab ich ja ehrlich
verdient."