Walter Bach
Wer
sich am Ort an den Reichstrainer Walter Bach erinnert, macht als Reflex
eine Schlagbewegung wie mit einem unsichtbaren Stock. Walter Bach wurde
von uns Kindern und den Erwachsenen Vati Bach genannt. Aber nur in
seiner Abwesenheit, ansonsten war für uns Vati Bach der Herr Bach. Er
war ein berühmter Mann aus Oer-Erkenschwick - Reichstrainer für die
Kunst- und Turmspringer und Leiter des Hallenbades. Das nannten wir aber
Badeanstalt. Walter Bach war ein dicklicher, sehr gedrungener Mann mit
einer ebenfalls fülligen Ehefrau, respektlos die alte Bach genannt. Er
regierte mit straffer Hand und einem Rohrstock darin das Hallenbad. Auf
das wir am Ort deshalb stolz waren, weil die Recklinghäuser keines
hatten und selbst aus Brambauer Menschen kamen, um hier zu schwimmen.
War Einlass für das Schwimmen in der Badeanstalt, bekam der letzte
Besucher jeweils einen Schlag mit dem Rohrstock in den Bereich seines
Oberschenkels. Vati Bachs Augen wurden durch die Brillengläser
verkleinert, deshalb hatte er einen kalten Blick. Das Wasser war oft zu
kalt. Er bestritt das. Wer widersprach, bekam eine Belehrung mit dem
Rohrstock. Duschte jemand wegen des kalten Schwimmwassers zu lang warm,
schon erfolgte die Vertreibung aus dem Duschraum mit dem Rohrstock. War
die Badezeit beendet, pfiff der dicke Vati Bach am Beckenrand stehend,
der Letzte von uns spürte den Rohrstock. Er schlug nie fest zu, aber zu
spüren waren seine Aktivitäten. Seine Frau war mit uns nachsichtiger.
Aber er dominierte. Sie konnte keinen Schlag mit dem Rohrstock
verhindern. Der Reichstrainer roch aus seiner weißen
Bademeisterkleidung intensiv nach kaltem Zigarettenrauch. Wir Kinder
zogen uns um auf den Rängen oben. Die Kleider wurden auf eine Bank
gelegt. Beim Wechsel von der Unterhose in die Badehose schützte ein
Handtuch vor Blicken von der anderen Seite. Die Mädchen mussten auf die
linke Seite, die Jungen auf die rechte. Vati Bach stand mit dem
Rohrstock als tief atmende Begrenzung dazwischen. Die Unerfahrenen
wussten nicht warum. Oben auf den Rängen war es billiger. Günter Pelz
sprang einmal von diesem Rang nach unten ins Wasser. Vati Bach setzte
einige Schläge mit dem Rohrstock und erteilte Günter Pelz zwei Wochen
Badeverbot. Vati Bach wachte mit Argusaugen, dass die Verbannung
eingehalten wurde. Günter Pelz wurde später Betriebsrat auf Ewald-Fortsetzung.
Auf dem Grabstein der Bachs stand der Titel Reichstrainer. Im Frühjahr
2001 wurde das Grab von Vati Bach und seiner Frau eingeebnet.
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