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Erst
gingen die Männer zur Morgenschicht. Es folgten die älteren Kinder auf dem Weg
zur Schule. Hiernach war etwas Ruhe zwischen den Koloniehäusern, dann kam
morgens der Korte. Drei Mal hielt er mit seinem Pferd und Milchwagen auf unserer
Straße, oben, in der Mitte und im unteren Drittel, immer an der selben Stelle.
Des Kortes Beruf wurde Milchbauer genannt. Er kam aus Oer, verkaufte auf
verschiedenen Straßen Milch nach einer seit Jahren festgelegten Strecke. Von
der Hochstraße bog er oben bei uns ein, dann war es gegen neun Uhr. In dem
geschlossenen Pferdewagen stand ein silbrig glänzender Behälter voller kalter
Milch. Die Hausfrauen und kleineren Kinder kamen mit blechernen Kannen, die er
nach Zuruf mit einem halben oder einen ganzen Liter füllte. Die Milch floss aus
einem Hahn wie das Bier an der Theke. Den Korte riefen die Frauen nur Korte, nie
sagte eine zu ihm Herr Korte. Des Milchbauern jeweiliger Standort auf der Straße
war gleichzeitig beliebter Umschlagplatz für Neuigkeiten oder zur Verbreitung
von Gerüchten. Ein Nachbarjunge wurde zum Helden, weil er einen Liter bestellt
hatte, als die Milch in seine Kanne floss, fiel ihm ein, dass er nur die Hälfte
kaufen sollte, er riss sein Gefäß zurück, die feine weiße Milch spritzte auf
die Straße. Einmal lag in der Frühe vor des Kortes Pferdewagen ein toter Igel.
Die Stacheln zeigten nach oben, der Milchbauer drehte ihn mit dem Fuß auf den Rücken,
wir sahen ein wie lächelnd da liegendes Tier. Ein anderes Mal wand sich ein Köter
auf dem Pflaster der Straße in Krämpfen, weil er die Staupe hatte. Der Korte
war ein fröhlicher Mensch, sein Gaul schien stoisch. Der technische Fortschritt
verdrängte das Tier. Unser Milchbauer schaffte sich ein Auto an, ein Dreirad,
nun kam er früher. So manches Kind machte die erste Autofahrt seines Lebens in
Kortes Wagen, auch wenn es durch die Windschutzscheibe nur den Himmel sehen
konnte. Die Sitzbank lag tief. Einige Jahre noch verkaufte der Korte Milch aus
seinem Auto, dann wurde aus so genannten hygienischen Gründen der freie Verkauf
von Milch untersagt. Verkauft wurde aus Läden. Der Korte unterhielt noch einige
Jahre einen Laden in der Knappenstraße. Mit dem Korte verschwand auch ein Stück
des nachbarschaftlichen Lebens aus der Kolonie. Am Ende der von Waldhausen-Straße
gab es noch ein Milchgeschäft. Es wurde betrieben von der Familie Nötzold.
Sohn Dieter Nötzold, in der Regionalliga Keeper bei der Spielvereinigung, wurde
als Milchbauer nur Sahne gerufen. Und er hörte darauf. Einige wussten gar
nicht, dass Sahne Nötzold Dieter hieß.
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