An
den Sommertagen waren Märsche zu hören. Sie klangen über den Hünenplatz bis
in die Kolonie in Richtung Waldfriedhof, sogar die damals wenigen Bewohner an
der Weidenstraße genossen unfreiwillig dieses Konzert. Die Bergwerkskapelle von
Ewald-Fortsetzung übte bei geöffneten Fenstern an den Abenden in einem Raum
der Gaststätte Böttcher. Nach dem Abendessen kamen die Musikanten, die Pauke
vor dem Bauch, die Klarinette in der Hand oder die Trompete unter dem Arm
geklemmt zu Böttcher. Im damals einzigen Kino der Stadt lief der Abendfilm. Bei
ruhigeren Szenen drang die Musik bis ins Kino. Es war das wöchentliche Ritual
in unserer Stadt, in der noch nicht das Fernsehen die Menschen in den Wohnungen
hielt. Wer es weit gebracht hatte, besaß einen Zehnplattenspieler.
Der
Gastraum von Böttcher war saalartig groß. Wer an der Theke stand oder an einem
Tisch saß bekam sein Konzert gratis zum Bier.
Die
Bergwerkskapelle belegte ein breites Spektrum unseres örtlichen Lebens, vom
Schützenfest
bis zur Trauerfeier prägte sie das Bild. War ein Kumpel tödlich verunglückt,
zogen sie von der Leichenhalle am Pütt gelegen mit schwarzen Wedeln auf den
Tchakos im Trauerzug durch die Stadt bis zum Waldfriedhof. Gespielt wurden auf
der Strecke wehmütige Trauermärsche, am Grab dann das obligatorische Glück
auf, auch "Ich hatt einen Kameraden". Wenn die Familienmitglieder noch
Abschied am Grab nahmen, waren bis dort die Kommandorufe vor dem Friedhof zu hören:
Die Bergwerkskapelle baute sich auf für den Rückmarsch. Und dabei spielte sie
zwischen Waldfriedhof und Böttcher nur zackige Märsche nach der Devise: Das
Leben geht weiter. Vor der Gaststätte wurde noch der Speichel aus den
Blasinstrumenten zu Boden gelassen, hiernach folgte der ungeordnete Einmarsch
bis zur Theke. Der frühere Gastwirt Böttcher war ein national gesinnter Mann.
In den Feldern vor Flögels Hof jagte er mit Ärzten und führenden Herren des Pütts
Rebhühner. Nach seinem Tod wussten die Musikanten durchaus, wie sie kostenlos
zur ersten Runde kamen: Sie spielten in der Gaststätte Böttcher seinen
Lieblingsmarsch, und tränenreich spendierte die Witwe hinter dem Tresen stehend
für jeden von der Kapelle ein Bier. Es wurde noch zwischen Export-Bier und Pils
unterschieden. Pils war teurer. Wer bei Böttcher saß oder an der Theke stand,
erlebte die Musikanten am Abend nach Trauerfeiern besonders ausgelassen. Eine
Tochter der Frau Böttcher verkaufte für das Kino die Eintrittskarten, die
andere, beide der Mutter sehr ähnlich, war Platzanweiserin.
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