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"Der
ist schon lange beim König", sagten die Erwachsenen im Ort. Und das sollte
heißen, der sei vor langer Zeit gestorben. "Den haben sie zum König
gebracht" hieß, es sind erst wenige Tage seit der Beerdigung vergangen.
Erkenschwicker starben nicht, die kamen zum König. So hieß der
Friedhofsverwalter. Im Ort gab es den Einheitsbegriff Wärter - den Kauenwärter,
ein Krankenpfleger wurde Krankenwärter genannt, folglich hieß der
Friedhofsverwalter König Friedhofswärter. Arnold Mlodzian, der in der Nähe
des Waldfriedhofes wohnte, erinnert sich im fernen Toronto an diesen Mann für
die letzte Reise: "Er war schon immer alt, ein ganz schmächtiger und
kurzer Mann, eher ein großer Gartenzwerg oder ein Kobold". Die Toten
wurden in jener Zeit zu Hause aufgebahrt. Auch wenn die Wohnung noch so klein
war. Die Totenmesse wurde vorher in der Kirche gelesen. Der katholischen
Beerdigung voran schritten drei Messdiener mit dem Priester. Ein Messdiener trug
das Kruzifix, die anderen beiden an je einer Stange Glasleuchter mit brennenden
Kerzen darin. Der Mann, zu dem alle im Ort mal gebracht wurden, stand unter dem
Bogen des Friedhofeinganges hinter den handgeschmiedeten Toren. Augenzeuge
Arnold Mlodzian, der zu jener Zeit auch Messdiener war: "Der König trug
immer einen Frack mit Schwalbenschwanz, schwarze Hose, weiße Handschuhe und auf
dem Kopf einen beeindruckenden Zylinder, der auf ein Uhr stand." Das hieß
halb schräg. War der Trauerzug angekommen, so der frühere Messdiener über die
Begegnung: "Er drehte sich schweigend um und ging mit gemessenen Schritten
vor dem Pfarrer Reckmann den Friedhof hinauf und brachte alle, wie ein Lotse, an
die offene Grabstätte". Eine Trauerfeier in der so genannten Leichenhalle
war in den vierziger und fünfziger Jahren eine Seltenheit. Und der Messbube von
einst über den Friedhofsverwalter: "Ich kann mich nicht erinnern, den König
jemals ohne diese schwarze Kluft gesehen zu haben." Er mied wohl Kneipen,
der König hatte offensichtlich keine privaten Kontakte im Ort. Es erinnert sich
auch keiner an seinen Vornamen. Sein Name war der Ersatz für den Tod. Wenn
einer schwer krank war, dann hieß es drohend, "der ist auch bald beim König".
Hämische Menschen drohten gar, "der König wartet schon". Es wurde
erzählt, der König wohne in dem Eingangshaus zum Waldfriedhof. In den Räumen
sahen wir nie ein Licht brennen. Die Toilette in dem Haus wurde jeweils von den
Kindern dann nicht benutzt, wenn vorher Erwachsene drohten, "vielleicht ist
der König darin und wartet auf dich".
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