In
den schweren Zeiten nach dem Krieg meinte fast jede Familie in der Kolonie, sie
habe einen Bauern "an der Hand". Der das Ferkel oder die
Einkellerungskartoffeln lieferte. Die Ferkel kamen meist aus Essel. Ein Landwirt
fuhr mit einem hoch gebauten Wagen auf großen dürren Rädern wie an einer
Kutsche aus der Bauernschaft in die Bergmannssiedlungen. Hinten befand sich eine
schmale Ladefläche, deren Deckel geöffnet wurde wie eine Truhe. Wenn der Bauer
aus Essel auf der Straße parkte, waren Ferkel im Angebot. Die rötlich-weißen
Tiere lagen schlafend und vor Hitze dampfend im Stroh, das den Wagen der Ladefläche
bedeckte. Es dauerte dann Stunden, bis ein Tier verkauft wurde. Die
Verhandlungen wurden meist von den Frauen geführt. Und die erklärten dem
Bauern aus Essel, wie spindeldürr das Ferkel sei, was da hineingestopft werden
müsse, es dauere Jahre, bis daraus ein schlachtreifes Schwein werde. Da müss
er im Preis aber "ganz schön was nachlassen". Anders der vierschrötige
Mann aus Essel, der die Gesundheit seiner Tiere lobte, jammerte, wie schwer er
sich von ihnen trenne, aber es lohne sich, selbst eines aufzuziehen und zu
schlachten, denn so ein Tier "frisst doch nur Abfälle, die sonst
weggeworfen werden." Bald schon verloren die Kinder ihr Interesse an den
"niedlichen" Tieren und dem langen Gerede der Erwachsenen. Irgendwann
einigte man sich, der Bauer aus Essel zog das quiekende Tier aus dem Rudel und
brachte das zappelnde Schweinchen in den Stall hinter dem Wohnhaus, den es erst
zur Schlachtung wieder verließ.
Kartoffeln
wurden Einkellerungskartoffeln genannt. Die wurden meist in Oer gekauft, immer
beim selben Bauern. Deshalb hieß es "unser Bauer". Stolz wie
vielleicht Hamster sind waren die Kinder, wenn aus Oer der bekannte Landwirt mit
einem hochrädrigen Einachser vorfuhr und die Kartoffelsäcke in den Keller
schleppte. Wobei an dieser Arbeit sich die Nachbarmänner beteiligten. Für eine
Flasche Bier danach. Birnen gab es von einem Bauernhof Koch in Oer, der später
seinen Betrieb umwidmete zu einer Kneipe. Andere Zeiten, andere Genüsse.
"Unsere" Erdbeeren kauften wir ebenfalls in Oer, bei einer Familie
Steinhausen, die hinter dem Haus einen riesigen Garten hatte, aber die nicht
Bauer genannt wurde. Den Produkten der Landwirte aus Essel oder Oer blieben die
Älteren treu. Wenn ich aus Düsseldorf anreiste, drängte meine Mutter mir ständig
für die Rückreise "frische Hühnereier" auf, deren Qualität mit dem
Satz geadelt wurde: "Die sind vom Bauern".
_____