Das
Haus war ein alter Kotten in Fachwerkbauweise. Kontrastreich stand es inmitten
der Koloniehäuser. Es lag an der damals noch sandigen verlängerten Knappenstraße
und wurde im Ort Schloss Pipi genannt. Den Grund konnte niemand nennen. Der
Mieter dieser heimelig wirkenden Kate war Josef Reiners, der aber nur Reiners
Jupp, Jüppchen oder gar Pülleken Reiners gerufen wurde. Oder auch Reiners
Puller, am Ort ausgesprochen Pulla. Obwohl der niedrig gewachsene Hundezüchter
und Bergmann Reiners nicht trank. Schloss Pipi hatte zwar unter dem Dach enge
Zimmer, aber keinen Keller. Es wirkte kleiner und geduckter als Koloniehäuser
der nahen Engelbertstraße. Die Außenwände waren im Laufe der Jahrhunderte
schief geworden. Wer in dem sandigen Boden um die Knappenstraße einst vor der Industrialisierung
im Ort ein hartes Kötterleben führte, wussten wir auch nicht. Reiners Jüppchen
betrieb keine Landwirtschaft. Mit schief stehenden Brettern war um das Anwesen
ein wackeliger Bretterzaun gezogen worden. In den Hof führte ein doppeltüriger
Eingang. Der Mieter hielt viele Hühner, hinter dem Haus entlang der Knappenstraße
lag ein kleiner Wald mit sehr hohen Bäumen. Und darin standen nach dem Krieg
einige Hundezwinger, denn Pülleken Reiners war ein ausgewiesener Züchter der
berühmten deutschen Schäferhunde. Kinder hatten Angst, sich dem unsicheren
Zaun des Schlosses Pipi zu nähern, weil im Hof streunende Köter als Gefahr
empfunden wurden. Jüppchen Reiners machte sie zudem scharf und beißfreudig. Er
hatte mehrere Jacken aus alten Kartoffelsäcken von seiner Frau nähen lassen,
an denen ein Arm auffällig dick gepolstert war. Die kläffenden Hunde wurden
oft in das Stadion geführt. In einer Senke zwischen jetziger Glück-Auf-Straße
und Stadiontribüne lag eine Rasenfläche mit dem Namen "Vier Tannen".
Mutige Burschen aus der näheren Umgebung zogen sich die Sackkleidung über, Pülleken
Reiners hetzte die Hunde auf die vermeintlichen Diebe oder Flüchtenden, die Köter
mussten sich an dem gepolsterten Arm festbeißen. Und der Junge in der Kluft
durfte mit einer Reisigrute den Hund schlagen. Aber der blieb verbissen. Reiners
Jupp streichelte danach den noch immer kläffenden Hund. Als auf dem Hof vor dem
Kotten einmal ein Huhn geschlachtet wurde, flog das Tier ohne Kopf plötzlich über
den Zaun noch einige Meter in die staubige Knappenstraße. Es war für die
Kinder die Gräuelgeschichte ihres jungen Lebens. Anfang der fünfziger Jahre
wurde Schloss Pipi in aller Hergottsfrühe abgerissen. (Es steht dort heute ein
Wohnhaus.)
(Siehe
auch Bildarchiv "Historische Fotos aus Erkenschwick")
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