Unsere Kindheit am Stimberg

 

Wenn der Mopek Biermann seine Reden hielt
von Hans Dieter Baroth

In welcher Kirche sie waren, erfuhren einige Kinder erst nach dem Krieg. Als die Konfessionsschule durchgesetzt wurde, kam es zu dramatischen Trennungen in den Klassen. Wer bisher in die Ewald-Schule ging und katholisch war, musste sie verlassen, nur die Evangelischen blieben. Für viele Katholiken war der Schulweg länger geworden. Zuvor galt die Nähe der Wohnung zur Schule als Orientierung. Die Stimberg-Schule war größer und beeindruckender. Sie hatte eine Turnhalle, aber die war durch Bomben zerstört. Aus den Trümmern ragte nur noch eine Empore. Hausmeister Schild lief mit einer Glocke über den Schulhof und läutete den Beginn des Unterrichts ein. Es hieß, er habe tatenlos mit ansehen müssen, wie nach Bombenangriffen die Schulbücherei leer geklaut wurde. Aber nicht immer begann der Unterricht mit seinem Geläut. Wiederholt mussten sich die Kinder in Klassenverbänden vereint aufbauen vor dem Hauptportal, über dem gemeißelt stand "Stimberg-Schule"Die Stimbergschule. Auf dem obersten Treppenabsatz stand Schuldirektor Biermann, der grundsätzlich Mopek Biermann genannt wurde. Mopek Biermann hielt Reden über die schlechte Lage in Deutschland. Nur die vorn in der Reihe hörten zu. Er bat um Kohlenspenden, damit in der Kälte der Unterricht überhaupt möglich war. Was viele Kinder gar nicht einsahen. Er gebrauchte auch für die Steinkohle den Begriff Schwarze Diamanten. Es gab viele Schulkinder, aber wenig Lehrer. Bei einigen Jahrgängen war der Andrang so stark, dass es vom selben Jahrgang zwei Klassen gab. Die einen wurden von Fräulein Bigalke getrimmt, die anderen von Fräulein Horstmann - in den Schulpausen behauptete jede Gruppe, mit seiner Lehrerin das schwerere Los gezogen zu haben. Zwei Lehrerinnen mit Namen Landwehr wurden wegen ihrer Gehweise von den Kindern erbarmungslos Enten genannt.

Der Lehrer Fritsch kam auch bei stärkster Kälte mit dem Fahrrad in die Schule. War er angekommen, wurde das Lenkrad abgeschraubt, mit dem unter dem Arm geklemmt betrat er das Klassenzimmer. Auf den Haken rechts von der Klassentür hängte er seine Mütze und das Lenkrad. Wer sollte sein mit Ketten gesichertes Fahrrad vom Hof der Schule klauen, wenn er es auf der Flucht nicht lenken kann? Er schlug oft unvermittelt zu, hiernach hob er wie ein Boxer beide Fäuste, so als verteidige er sich. Das Gebet vor der Klasse unterbrach der Fritsch auch schon mal, um zu fragen, wo dieser oder jener seine Lebensmittel gekauft habe. Kamen Maler, veränderten die Blagen das Warnschild: "Fritsch gestrichen"!

Entlassungsjahrgang der Stimbergschule im März 1952
Rektor Biermann und Lehrer A. Jung
Quelle: Alte Apotheke, Foto Hermann

Siehe auch: Andreas Biermann, Rektor der Stimbergschule 

_____

(C) by  Karl-Heinz Wewers / WEBDESIGN