Wenn
die Kinder ihre Badezeit für 20 Pfennige im Hallenbad hinter sich hatten,
blieben sie lange am Beckenrand vor dem Ausgang stehen. Olga Eckstein trainierte
dann. Ihr zuzusehen war eine Faszination. Olga Eckstein, sechsfache Deutsche
Meisterin im Kunst- und Turmspringen, war zehn Jahre aktiv. Sie probte ihre ästhetisch
anzusehenden Sprünge von dem gefürchteten Fünfmeterbrett unter der Decke der
Schwimmhalle. Olga Eckstein trug einen einteiligen schwarzen Badeanzug. Auch
Zehnjährige sahen schon, sie war eine schöne Frau: Eine durchtrainierte
frauliche Figur, das Gesicht wirkte von der Seite klassisch römisch, ihre
dunklen Augen zum schwarzen Haar ließen uns von ihr schwärmen. Minutenlang
stand sie ruhig oben auf dem Brett, sammelte sich, trat zurück, nahm einen
Anlauf, sie stürzte mit gekonnten Körperdrehungen zum Wasser, kurz vor dem
Eintauchen streckte sie sich wie ein Speer. Oder sie stand rücklings an der
Absprungkante, nur noch mit dem ersten Drittel ihrer Füße auf dem Brett, dann
der Sprung rückwärts, am Ende streckte sie sich immer vor dem Eintauchen körpergerade.
Wenn ihr Kopf mit dem nassen tiefschwarzen Haar auftauchte, folgte ein kurzer
fragender Blick zu Vati Bach am Beckenrand, ein kaum wahrnehmbares Nicken vom
Reichstrainer hieß: "Gut gemacht, Olga". Stundenlang sprang sie, aber
so lange ließ Vati Bach unser Zuschauen nicht zu.
Später
arbeitete sie als Sekretärin beim Betriebsrat. Olga Eckstein war angenehm
adrett gekleidet. Wir bewunderten ihre Bildung. Sie beherrschte im Gegensatz zu
uns ein perfektes Deutsch. Olga Eckstein schrieb blind. Wir staunten, wenn sie
angesprochen wurde, aufblickte, dabei aber weiterhin tippte. Kam es zu
Reibereien, Olga Eckstein schlichtete mit ihrem Standardsatz "macht mal
halblang". Stand sie an der Tür des Betriebsrates in der lichten Lohnhalle
und sagte: "Komm mal 'rein", dann lag eine Beschwerde vor. Olga
Eckstein stand dann eindeutig an der Seite des Beschuldigten und redete wie ein
guter Rechtsanwalt.
Als
ihr späterer Mann Günter Strangfeld als ehemaliger erfolgreicher Boxer mit
Sport die Gewerkschaftsjugend positiv härten wollte, waren wir alle gegen ihn -
weil er aus Herten kam. "Nun macht mal halblang", begann Olga Eckstein
am Ende erfolgreich unsere Vorurteile abzubauen. Sie war nicht nachtragend. Die
immer noch gut aussehende Frau hatte ein glänzendes Gedächtnis. Sie hätte es
mit jedem Computer aufnehmen können. Olga Eckstein nahm ein Schriftstück in
die gepflegten Hände, blickte kurz darauf, schon begriff sie, worum es darin
ging. Sie war uns überlegen, spielte es aber nie aus.
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