Auf
einem Laster zum Auswärtsspiel
von
Hans Dieter Baroth
Busse
fuhren im Frühjahr 1947 nicht zu dem Auswärtsspiel der
Spielvereinigung nach Hombruch 09. Dicht gedrängt standen die Fans vor
der Sportzentrale Romanski, um auf Lastwagen in den Dortmunder
Vorort fahren zu können. Einen Punkt benötigten die Schwarz-Roten, um
in die neu gegründete Oberliga aufsteigen zu können. Die Menschen
standen auf den Ladeflächen von Lastwagen. Mühsam, aus den
Auspuffrohren qualmend, quälten die sich hoch in Richtung Gaststätte
Kausch, bogen dort links ab in Richtung Henrichenburg. Mein Bruder und
ich bekamen einen Stehplatz auf der Zugmaschine des Fuhrunternehmers
Stenzel. Auf zwei Anhängern dahinter standen wie wir frierend die Fans.
Auf der Autobahn waren nur wenige PKW zu sehen. Fahrer Stenzel bog an
einer Behelfsausfahrt ab, die Zugmaschine musste an einer steilen
Auffahrt die Menschenlast ziehen. Plötzlich sprangen aus dem Fahrerhaus
einige Personen auf die Straße. Langsam rollte das Gefährt zurück,
ein Anhänger stellte sich
quer, Bretter brachen, Schreie, Anhänger der
Spielvereinigung fielen auf die Straße, mein Bruder sauste kopfüber
vor die riesigen Räder. Ineinander verkeilt blieb das Gefährt auf der
abschüssigen Ausfahrt stehen. Blut spritzte, mit Taschentüchern wurden
Wunden verbunden. Lose Bretter entfernten die Mitfahrer. Der Stenzel
bekam das Gefährt wieder flott. Oben auf der Kuppe der Ausfahrt
kletterten alle wieder auf die Ladeflächen, trotz vieler Verletzter
wollten sie weiterfahren zu dem Spiel nach Hombruch. In Dortmund waren
die meisten Straßenschilder abmontiert worden. Im Jahr 1947 konnte es
keine Adolf-Hitler-Straße mehr geben. Hinweisschilder nach Hombruch
fehlten. Der Stenzel fragte laut aus der Zugmaschine die Menschen auf
der Straße nach der Richtung.
Endlich strampelte ein junger Mann auf
seinem Fahrrad vor uns durch die zerbombten Straßen von Dortmund, damit
die Fans Hombruch fänden. Blut färbte einige Taschentücher rot. Ein
Nachbar hatte eine beachtliche Beule an der Stirn. Mein Bruder
ignorierte die Hautabschürfungen an beiden Armen und seinen Knien. Es
war leicht dämmerig, als wir Fans endlich das Stadion erreichten. Erst
zur Halbzeit. Als die Verwundeten zu den Rängen humpelten, wusste ich
plötzlich, wie eine geschlagene Armee heimkehrt. Beim Schlusspfiff zum
Endstand von 3:3 war es fast dunkel. Der Aufstieg in die neue Oberliga
war geschafft. Auf der Rückfahrt wehte uns ein kalter Nachtwind um die
Ohren. In der Sportzentrale Romanski wurde danach über unsere
Tour mit den Stenzel so heroisch geredet wie nach einer am Ende
gewonnenen Schlacht.