Bombentreffer auf die Rapener Brücke
von
Hans Dieter Baroth
An dem Tag im Januar 1945 lag Schnee, es schien die Sonne, die weiße
Pracht war leicht eingedunkelt vom Kohlenstaub, der vom Pütt über den
Ort gepustet wurde. Von Essen kommend flogen Bomberverbände in unsere
Richtung, meldete um die Mittagszeit der britische Sender BBC, der
ungeniert gehört wurde. "Die meinen uns wohl", sagte mein
Bruder, der vor dem Volksempfänger saß. Minuten später
prasselten die
Bomben nieder, die Erde schien zu beben, es war, als rissen die kräftigen
Arme eines Riesen an den Häusern. Die Flucht in den Bunker an der
Knappenstraße war nicht mehr möglich, die Mutter saß mit ihren
Kindern unter der Holztreppe des Kohlenkellers und betete, obwohl
Atheistin, sehr laut. Unser Vater arbeitete während des Angriffs unter
Tage. Nach der ersten Angriffswelle flüchteten wir über den Hof in den
Keller nebenan. Unser Nachbar Heinrich Mackrodt hatte den mit
Holzstempeln bergmännisch gekonnt zusätzlich gesichert. Es klang
unten, als tobe oben in dem Haus ein wütender Kraftprotz, der die
beiden Etagen zertrümmere. Nach der dritten Bombenwelle empfanden wir
ängstlich eine ungewohnte Kirchenstille, die über unseren Ort lag.
Hinter der Zeche stiegen Rauchwolken in den Himmel und verdunkelten ihn.
Bald kamen die ersten Männer vom Pütt, Gerüchte wurden durch die
Kolonie gejagt. Die drei Schächte seien verfehlt worden, getroffen
wurden aber die Kokerei und die Stickstoffwerke sowie der Ortsteil
Rapen. "Die haben der Zeche den Arsch wegrasiert", hieß es
bergmännisch drastisch. Noch am Nachmittag radelte meine Mutter mit
unserem Nachbarn Hans Brendel in Richtung Rapen. Menschen lagen verschüttet
unter den Trümmern ihrer Häuser. Pferde rasten mit schweren
Verletzungen und irren Augen durch die Straßen. Aus Wasserleitungen
stoben Fontänen. Über Erkenschwick hing der Geruch von Verbranntem.
Am
anderen Tag durfte ich nach Rapen. Aus dem bisher verschütteten Keller
eines Hauses zogen Rettungstrupps noch lebende Menschen. Heller Staub
hatte sich über sie gelegt. Unter der Straßenbrücke zwischen der
Hauptzeche und den äußeren Schächten IV und V hatte ein Bergmann
versucht, sich vor den Bomben zu schützen. Die Brücke war voll
getroffen worden. Russische Kriegsgefangene legten den Toten auf einen
Schlitten und bedeckten ihn mit einer schmutzigen Wolldecke. Er lag bäuchlings.
Die rechte Hand des Getroffenen schleifte über den Boden, ich sah den
goldenen Ehering leuchten. Ein schwarzer Haarschopf war noch zu sehen.
Die Gefangenen zogen den Schlitten über den vom Ruß gedunkelten Schnee
und pfiffen dabei ein Lied.