Pferdewagen
in der Kolonie
von Hans Dieter
Baroth
Angeliefert
wurde einst alles mit Pferdewagen. Meist mit recht gutmütigen Gäulen
davor. Morgens fuhr der Milchbauer Korte die Straße hinunter und
lieferte die Milch. Die Bauern aus Oer lieferten die
Einkellerungskartoffeln per Pferdewagen,
kräftige Männer trugen auf
ihren Schultern die Kartoffelsäcke in die Keller. Aus Essel fuhren
Landwirte mit hochrädrigen Karren vor, auf deren Ladeflächen im Stroh
rosafarbene Ferkel dicht beieinander lagen; sie wurden an die Bergleute
zur eigenen Aufzucht eines Hausschweins verkauft. Rotfarben und glänzend
lackiert waren die ebenfalls hochgebauten Lieferwagen der Bäckerei
Henning. Auffällig groß gewachsene Pferde zogen des Bäckers
Brotkarren. Kuchen buken die Frauen selbst. Die braunen Gäule trugen
dunkle Scheuklappen. Jede Blage erfreute sich, wenn beim Wegwurf einer
Apfelkippe oder Kartoffel das riesige Tier auf der Straße vor Schreck
scheute und ausbrechen wollte. "Henning-Brot macht kleine Kinder
tot", so die erste Lyrik der Koloniekinder, bevor sie später in
der Schule Schillers Glocke auswendig pauken mussten. An den
Nachmittagen fuhr eine Frau
Stolzenburg ebenfalls mit einem Pferdewagen
durch die Kolonie, aber der war bunt und davor trippelte ein Pony - sie
verkaufte Eis. Möbel wurden beim Umzug auf Pferdewagen transportiert.
Auch die Deputatkohlen kamen per Pferdekarren ins Haus. Das waren
Einachser mit zwei riesigen Rädern, die Kohle wurde nach hinten auf die
Straße gekippt. Die Gäule davor waren dicke kräftige Belgier, Kaltblüter
seien das, erzählten die Alten sachkundig. Die Wagen und Pferde gehörten
dem Pütt. Als in der Hitlerzeit eines dieser Pferde nicht richtig
beschlagen und im Winter auf Eis unsicher war, wurde der Pferdehalter
vom Polizisten verwarnt. Auf die eigentlich unsinnige Frage nach dem
Beruf antwortete der Mann von der Zeche, er sei Gaulführer. Zum Gespött
der Bürger unseres Ortes wurde der Polizist mit seiner Belehrung, im
Deutschen Reich gebe es nur einen Führer, der Mann sei Gaulleiter. Bei
einer Trauung fuhr das Hochzeitspaar in einer weißen Kutsche zur
Kirche. Mit davor tänzelnden Pferden. Zu Grabe gefahren wurden die
Menschen in Leichenwagen vom "Sarglager" Schmülling, dessen
Pferde mit schwarzen Tüchern behängt waren. Schwarz glänzten die
ledernen Scheuklappen. Als bei einer verstorbenen Nachbarin der Sarg auf
die Ladefläche geschoben wurde, quietschte es laut vom Leichenwagen.
"Hört ihr, die will noch nicht", kommentierte das Simon
Wappenick in der Engelbertstraße und irritierte die Kinder.