Bittings
Töchter und das Auto
von Hans Dieter
Baroth
Erst
in den fünfziger Jahren kauften die ersten Bergleute privat Autos.
Meist gebrauchte VW-Käfer. Einen Opel oder Ford hatten die Geschäftsleute
am Ort. Und diese Wagen wurden oft als zusätzlichen Kundendienst
abgefordert. Wer sich als einen guten Kunden sah, der fragte zu
Hochzeiten oder bei Beerdigungen außerhalb von Erkenschwick meist recht
unsensibel an, ob denn nicht jemand die
Fahrten übernehmen könne.
Firmenchef Bitting, der ein so genanntes Kleidergeschäft in der
Stimbergstraße betrieb, hatte zwei attraktive Töchter und ein Auto.
Diese Reihenfolge war deshalb wichtig, weil die Töchter auch einen Führerschein
besaßen; den hatte kaum jemand. Die Ausnahmen bildeten Männer, die ihn
bei der Wehrmacht gemacht hatten. Unfreiwillig verdrängten die Bittings
in einem Bereich des Ortes die Hochzeitskutschen mit ihrem Ford.
Heiratete der "gute Kunde", fuhr eine der Töchter, ebenfalls
hochzeitlich gekleidet, vor dem Zechenhaus vor und transportierte die Gäste
zur Christus-König-Kirche und nach der Trauung wieder zurück. Bezahlt
wurde für diese Leistung des "Geschäftsmannes" - so wurden
Ladenbesitzer genannt - nichts. Der wiederum hoffte, dass die frisch
Verheirateten bei der nächsten größeren Anschaffung einer Garderobe
zu Bitting gingen. Oft lief es auch umgekehrt, der Anzug war dort
gekauft worden, die Fahrt zur Kirche kam als Draufgabe. So wurden die
Pferde verdrängt. Der Milchbauer Korte aus Oer lieferte eines Tages
seine Produkte mit einem Dreirad in die Kolonie. Das waren sehr laute
Autos mit nur einem Rad vorn. Spediteure aus dem Ort holten Möbel oder
riesige Pakete aus Recklinghausen nicht mehr mit dem Pferdewagen ab, die
ersten Autos von denen hießen Opel-Blitz. Denninghaus hatte nun mehr
als einen Bus, auch die Zuschauer fuhren zu Auswärtsspielen nicht mehr
auf Lastwagen "auf Schalke", Dortmund oder gar zum 1. FC Köln,
oder an die Ahr zum Weinfest. Der Malermeister Röwer in der Knappenstraße
wurde von Nachbarn mit seinem Auto angefordert, wenn sie zu Beerdigungen
mussten. Autofahren war ungewohnt. Deshalb wohl putzte wohlwollend meine
80jährige Oma während der Fahrt vom Beifahrersitz plötzlich die
Scheibe, so dass Malermeister Röwer einige Meter ohne Sicht von Datteln
nach Habinghorst fuhr. Bedeutendster Autofahrer im Ort war Ernst Kuzorra,
der in einem Opel-Olympia nach Erkenschwick gefahren kam, um die
Schwarz-Roten zu trainieren. Autos wurden sehr geschont. War das Wetter
schlecht oder es war spät geworden, fuhr Ernst Kuzorra nicht mehr nach
Gelsenkirchen, er schlief bei Jule Ludorf auf der Couch.