Als
der „Steiger" auf dem Ringofen der Ausbildungsabteilung schippte
Clemens
Peick erzählte in der Butterpause von seiner Kindheit im Münsterland
von Hans Dieter Baroth
Noch
vor sechs Uhr passierten die Berglehrlinge das so genannte Ziegeleitor.
Der Pförtner kannte alle und nickte den Durchlass.
Sie
gingen am Ringofen vorbei, nahmen aus dem Fenster der Schlosserei ihre
Markennummer entgegen und stiegen eine schmale steile Treppe hinauf in
die Jugendkaue. Kauenwart Linn unterhielt die Jungen am Morgen schon mit
Geschichten über die SchwarzRoten.
Heiser rief um sechs eine Sirene zum Schichtbeginn. Im Ringofen teilte
August Naroska im schummrigen Halbdunkel des Lehrstollens die Jungen zur
Arbeit ein. Ein beachtliches Rudel wurde jeweils auf dem ovalen Dach des
Ringofens beschäftigt. Es galt den dortigen Sand, der einen halben
Meter dick war, zu entfernen. Mit einer Schüppe wurde er in Schubkarren
geladen, die wurden zum Dachrand gefahren, lärmend rauschte der Sand
durch eine Rutsche nach unten. Im Blick hatten die Lehrlinge die große
Uhr am Lokschuppen. Sie zeigte den Männern im Übertagebetrieb und den
Menschen draußen, die über die Bahnbrücke gingen, die hoffentlich
genaue Zeit an. Um neun Uhr erfolgte wieder das heisere Tuten: Frühstückspause.
Dann saßen die Berglehrlinge vom Frühjahr bis Herbst 1952 auch in der
Sonne und redeten von der Zukunft.
Wir
hätten Flausen im Kopf, behaupteten die Meisterhauer, von uns Aufseher
genannt.
Ein Bursche erzählte von seiner Kindheit im Münsterland. Er rollte das
„R“ beim Sprechen anders als wir. Er kam aus einer Bauernschaft bei
Lüdinghausen. Wir nannten Lüdinghausen Longhuusen.
Fahrrad hing an der Decke
Anders
als wir konnte der junge nicht am Morgen anreisen und zum frühen
Nachmittag zurück. Aus 0lfen kamen zwar einige Bergleute mit dem Bus
zum Pütt, aber nicht von Lüdinghausen. Deshalb lebte er in der Woche
bei seiner Tante in der Hochstraße. Die
hieß Brocks und war sehr aktiv
beim Roten Kreuz. Viele kannten sie nur in der Tracht des Roten Kreuzes.
Dass bei der Familie Brocks im Flur ein Fahrrad an der Decke hing, war
in der Kolonie keine
Ausnahme. Weil der Junge aus Lüdinghausen, der kein geborener
Erkenschwicker war wie die meisten von uns, eine dunkle blaue Mütze bei
der Arbeit trug, hatte er bald den Spitznamen „Steiger" weg. Mit
dem Steiger saß ich oft während der Butterpause auf dem Dach des
Ringofens und ließ mir von ihm Geschichten aus dem Münsterland erzählen.
Er redete über das karge Leben seiner Eltern. Der Steiger konnte sehr
plastisch und schnörkellos berichten. Es zeichnete ihn auch aus, dass
er gut zuhören konnte und interessiert war. So lernte ich bei der
Frühstückspause den „Steiger" Clemens Peick, unseren späteren
Bürgermeister, in vielen Stunden kennen